Dieter Bischop
Tonpfeifenfiguren aus Bremen
Gerade in den letzten Jahren fallen im Fundmaterial der Grabungen in der Bremer Altstadt immer wieder kleine Miniaturfiguren aus einem sehr feinen weiß brennenden Ton auf, der sich durch Farbe und Feinheit von der gleichzeitigen Keramik unterscheidet. Diese in der Literatur als „Tonpfeifenfiguren" bekannten Kleinplastiken haben ihren Namen von den Tonpfeifen erhalten, die ab dem späten 16. Jh. aus dem gleichen weiß brennenden Ton in ähnlicher Machart hergestellt worden sind. Die ersten in Bremen gefundenen Tonpfeifenfiguren sind schon vor 70 Jahren von G. Dett- mann veröffentlicht worden (Dettmann). Doch die Neufunde der letzten Jahre, die diesen Fundus im Repertoire weit mehr als vervierfachen, erfordern eine Gesamtvorlage dieser meist noch spätmittelalterlichen Kleinplastiken, die sakrale, aber auch profane Motive darstellen. Daher sollen hier sowohl die Neu- als auch die Altfunde in einem Kollektiv zusam- mengefasst werden (Abb. 1).
Die Tonpfeifenfigürchen wurden selten im norddeutschen Küstenraum hergestellt; sie sind vielmehr im 15./16. Jh. am Verlauf des Rheins, sowie in Sachsen von spezialisierten Bilderbäckern produziert worden, wie Schriftquellen des 15. und 16. Jh. belegen (Neu- Kock 1988, 6). Häufig wurden in Pfeifenbäckereien des Westerwaldes noch bis weit ins
20. Jh. hinein neben den Tonpfeifen auch kleine Tonfiguren hergestellt (Kügler, 74-85), die meist auf Jahrmärkten verkauft wurden. Nachgewiesene Töpferstätten sind Köln, Worms, Frankfurt, Leiden, Lüttich, Utrecht, Konstanz, vermutlich auch Nürnberg und Zwickau. Ein Töpferofen mit einer mit Ausschussmaterial verfüllten Abfallgrube wurde 1978 an der Goldgasse - nur 250 m vom Kölner Dom entfernt - ausgegraben. Die Figuren wurden weniger in den am Rande der Stadt gelegenen Werkstätten verkauft, als vielmehr in den Verkaufsbuden am Markt. Über Zwischenhändler dürften die Stücke weite Wege zurückgelegt haben. Der eigentliche Produktionsort ist meist nur schwer zu eruieren, da „Raubkopien" von einzelnen Figuren leicht hergestellt und die Modelle zudem ebenso leicht vervielfältigt werden konnten. Die Modelfunde - aber auch viele fertige Exemplare - demonstrieren, wie die Herstellung vonstatten ging: Für die Vorder- bzw. die Rückseite der Statuetten wurden zwei Formenhälften genutzt. Die Funde aus Köln zeigen sehr deutlich das Bildrepertoire der Bilderbäcker, die diese Figürchen mit sakraler und weltlicher (teilweise sogar erotischer) Thematik ursprünglich als echte Massenware herstellten (Neu-Kock 1993). Auch die Mehrzahl der Bremer Figürchen sind eindeutig dem sakralen Umfeld zuzuordnen. Be-
Fundstellen der Tonpfeifenfiguren in Bremen.
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