Klaus Kniep
Alle brauchen ein Boot
Überlegungen zur Bedeutung der Schiffsdarstellungen während der nordischen Bronzezeit
1 Rasiermesser, gefunden „im Bremischen" (nach Jacob-Friesen)
Bronzezeitliche Schiffsdarstellungen findet man in der Regel als Verzierung auf Bronzegegenständen und auf den Felsbildern der nordischen Bronzezeit. In Norddeutschland gibt es bekannterweise so gut wie keine Felsbilder, wenn man einmal die vereinzelten Felsbildmotive auf den mehr oder weniger großen Steinen außer acht läßt. Aber es gibt eine ganze Anzahl bronzener Waffen und Rasiermesser, die eingepunzte Verzierungen tragen. Das häufigste Motiv der so verzierten Rasiermesser ist das Schiff. Einige dieser schiffsverzierten Rasiermesser wurden auch in der weiteren Umgebung Bremens gefunden, so z.B. bei Aurich, Heeßel, Krempel und Harsefeld. Das aber in dieser Hinsicht berühmteste Messer wurde irgendwann in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts „im Bremischen" entdeckt (JACOB-FRIESEN, 133). Das Original ist leider während des Krieges verlorengegangen, so daß nur noch Abbildungen vorhanden sind. Wir sehen auf einer Zeichnung (Abb. 1) ein typisches Felsbildschiff, wie es in vielen Varianten auf den bronzezeitlichen Felsbildern in Südskandinavien zu Tausenden vorkommt. Was hat die Menschen der Bronzezeit wohl bewogen, in mühevoller Arbeit Schiffe in Rasiermesser und Felsoberflächen einzupun- zen?
Die Wissenschaftler waren sich schnell einig darüber, daß diese Bilder „religiöse Urkunden" darstellen. Aber sind sie ausschließlich als Äußerung eines Totenkultes zu sehen oder eher eines Fruchtbarkeitskultes oder gar einer Sonnenverehrung, wie E. Sprockhoff wenigstens für die jüngere Bronzezeit meint belegen zu können (SPROCKHOFF, 28 ff.)? Oder standen sie ursprünglich im Dienste des Totenkul
tes, wurden später aber auch für den Fruchtbarkeitskult verwendet? Egal welche Ansicht man vertrat, für den Beweis der Richtigkeit führte man in der Regel Beispiele aus weit entfernten Kulturräumen an, aus Ägypten, Griechenland, Mesepotamien, Indien, die zu verblüffenden Übereinstimmungen mit einzelnen Motiven führten. Wenn diese Schlußfolgerungen aus diesen Vergleichen richtig sind, dann muß man aber auch in dem eigenen Kulturraum mehr als nur ein Bildmotiv als Beleg dafür finden.
Einer Beantwortung dieser Frage kann man sich vielleicht über die Felsbilder nähern, da diese weitaus häufiger vorkommen als die verzierten Bronzegegenstände. U. Bertilsson hat einmal alle Felsbildmotive, die in Bohuslän vorkommen, in Gruppen zusammengefaßt und ausgezählt und ist zu dem Ergebnis gekommen, daß von allen Felsbildmotiven die Schale, das einfachste Motiv, bei weitem am häufigsten vorkommt. Wenn man nun die Schalen nicht berücksichtigt, verteilen sich die anderen Motive in Bohuslän folgendermaßen (BERTILSSON, 104):
Schiffe 49,23 %
Menschen 22,05 % Tiere 9,50 %
Füße 3,61 %
Kreise 2,48 %
Räder 1,43 %
Übrige 11,70 % (Waffen, Pflug, Netz, Wagen, Hände, Bäume etc.)
In der Region Uppland haben wir sogar 62,52% Schiffe (KJELLEN, 116 f.), so daß man wohl sagen kann, daß ca. 50 % der Fels-
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