Christiane Schnack
Lederfunde von der Schlachte in Bremen
Mittelalterliche Lederfunde sind in Bremen zuletzt vor allem aus dem Bereich der Baugrube des Scandic Crown Hotels an derWachtstraße zutage gekommen. Als nun in den Jahren 1991 / 92 die umfangreichen Kanalbaumaßnahmen an der Schlachte, dem alten Bremer Hafengelände, durchgeführt wurden, die zur Auffindung der neuen Kogge führten, konnten wiederum zahlreiche Lederfunde gemacht werden, von denen im Folgenden die wichtigsten genauer vorgestellt werden. Magaziniert sind die Funde unter der Fundstellenbezeichnung Altstadt/108 und Altstadt/110; letztere stammen schon von der Bürgermeister-Smidt-Straße, gehören aber noch zum mittelalterlichen Hafenbereich.
Anzumerken ist.daß die Funde im getrockneten Zustand nach der Konservierung zur Bearbeitung vorlagen. Der Vergleich mit Umrißzeichnungen, die vor der Konservierung und im feuchten Zustand von den Funden angefertigt worden waren, zeigen, daß die Konservierung eine Schrumpfung von durchschnittlich 2 cm bewirkt hat. Dies wäre zum Beispiel bei einer statistischen Erhebung der Schuhgrößen zu berücksichtigen.
Die Funde erhielten bei der Sichtung eine Bearbeiter-Nr., die auf der Außenseite des jeweiligen Magazin-Kartons mit Rotstift aufgetragen wurde (Nr. 1-40) (s. Liste im Anhang). Lassen sich im Folgenden Hinweise und Aussagen anhand der Bremer Funde beispielhaft dokumentieren, erscheinen eine oder mehrere entsprechende Nummern im Textzusammenhang.
Insgesamt erbrachte die Sichtung und Erfassung gut 400 Einzelstücke. Die Funde setzen sich aus Resten/Fragmenten von bearbeiteten Lederobjekten (u. a. Schuhwerk) einerseits sowie aus Produktionsabfall (Schnittabfall) andererseits zusammen; Fragmente ohne Aussage bilden einen kleinen Restteil.
Die zahlenmäßige Verteilung der Lederobjekte ist wie folgt:
228 Schuhwerk 118 Oberleder 66 Sohlenleder 44 Sohlenrandstreifen
13 Varia
7 Riemen
1 Tasche
3 Applikationen
1 Fäustling
1 Wams 32 undef. Objekte
Diese Verteilung zeigt deutlich, daß Schuhwerk mit Abstand den größten Anteil der gesamten Lederfunde ausmacht. Ledernes Schuhwerk gehörte im Mittelalter zur gebräuchlichsten Alltagskultur. Aufgrund seiner einfachen Bauweise war es aber sehr schnell aufgetragen. Da Leder zugleich ein teurer Rohstoff war, wurde ein defekter Schuh nicht gleich weggeworfen, sondern zunächst repariert oder zum Altmacher gebracht. Hinweise auf Flickreparaturen sind keine Seltenheit (z.B.1;26).Die Nachfrage nach Schuhen war demgemäß hoch. Daher ist auch nicht erstaunlich, warum diese Fundgattung bei entsprechenden Konservierungsbedingungen im Boden — verglichen mit anderen Lederobjekten—am häufigsten zutage gefördert wird. In der Regel setzt sich ein Lederfundkomplex aus ca. 90 % Schuhwerk und ca. 10 % Varia zusammen. In Bremen ist das Schuhwerk mit 95 % gegenüber 5% der Gruppe derVaria mit einem noch höheren Anteil vertreten.
Der Produktionsabfall unterscheidet in primären und sekundären Schnittabfall. Die Zurichtung von Neuleder erzeugt primären Abfall, das Wiederverwerten von Altleder erzeugt sekundären Abfall. Ein Beispiel hierfür liefert ein Oberleder mit sekundären Schnittkanten (32). Zum typischen Formenspektrum primären Schnittabfalls zählen Streifen und Dreiecke, auch abgeschnittene Ränder der gegerbten Tierhaut gehören dazu. Sekundärer Schnittabfall ist zumeist an den Nahtspuren des ursprünglichen Objektes erkennbar.
Der Produktionsabfall setzt sich wie folgt zusammen:
75 Primärer Schnittabfall 39 Sekundärer Schnittabfall
Entsprechend der allgemeinen Fundverteilung darf man beim Produktionsabfall auf das Schuhhandwerk schließen, wobei allerdings
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