Birgit Scholz
Hermes in der Sammlung des Bremer Kaufmanns Robert Rickmers
Im Besitz des 1948 verstorbenen Bremer Schiffbauers, Reeders und Reiskaufmanns, Sammlers und Mäzens Robert Rickmers, der von seinen ausgedehnten Aufenthalten in Fernost vor allem Asiatica mitbrachte und sonst niederdeutsches Kunsthandwerk sammelte, befand sich — zuerst in einer Versicherungsaufstellung von 1938 verzeichnet— ein modernes Pasticcio,eine Zusammenfügung zweier ursprünglich nicht zusammengehöriger archäologischer Objekte, das aus zwei antiken Elementen, einem bärtigen Kopf von einer Doppelherme und einem als Sockel dienenden Kompositkapitell zusammengesetzt ist (Abb.1 -2). Das Stück war in der von Robert Rickmers nach dem Erwerb von Gut Hodenberg 1897 errichteten Säulenvorhalle des Gutshauses (ENTHOLT, 117) links vom Eingang aufgestellt. Dank der Freundlichkeit des jetzigen Besitzers konnte das Stück im Amt des Bremer Landesarchäologen mit destilliertem Wasser gereinigt, photographiert und archäologisch untersucht werden. Kopf und Kapitell wurden modern mit Zement zusammengefügt. Möglicherweise sind sie auch verdübelt. Der Kopf hat die Maße: H: 27,5 cm; B: 21,75 cm; T: 22,5 cm. Das Kapitell hat die Maße H: 16,2 cm; B (oben): 18,2 cm; B (unten): 9,8 cm. Der Kopf besteht aus weißem Marmor mit einzelnen grauen Adern. Das Kapitell ist aus gröberem Marmor als der Kopf gearbeitet, der weiß mit dunkleren Streifen ist und deutliche Brandspuren aufweist.Obgleich beideTeile modern zusammengefügt sind und so wohl auch schon von Robert Rickmers erworben wurden, stammen sie sicher nicht vom selben Fundort, denn an dem Kopf befinden sich Meeressinter und Muschelablagerungen, wie die Restauratorin Frau G. Klonk feststellte, während dem Kapitell ein Sinterüberzug fehlt.
Der Kopf
Der Kopf gehörte zu einer Doppelherme, von welcher der zweite, ursprünglich in die entgegengesetzte Richtung blickende Kopf bis auf einen Teil des Hinterkopfes abgeschlagen wurde (Abb.1 -2).An diesem Bruch sind keine Verwitterungsspuren zu beobachten, was darauf hindeutet, daß der zweite Kopf erst modern abgeschlagen wurde. Dies geschah vielleicht, um ihn zu einem ähnlichen Pasticcio zu verarbeiten wie sein hier erhaltenes Pendant und auf diese Wei
se zwei Stücke in den Antikenhandel zu bringen. Von dem hier erhaltenen Kopf sind die langen, seitlichen Locken abgebrochen (Abb. 1,2), wobei die rechte Locke wegen der grauen Patina des Marmors an der Bruchstelle wohl schon länger fehlt als die linke, wo der Bruch frischer ist. Noch antik, da übersintert, sind die Beschädigungen an Nase und Stirn, dazu eine Fehlstelle im Bart.An derrechten Seite ist der Kopf beschädigt, weil offenbarmit einem harten Gegenstand versucht wurde, den Sinter zu entfernen. An der rechten Seite ist in dem rückwärtigen Bohrkanal zwischen der seitlichen Haarlocke und der Schulter ein Metallkügelchen festgesintert. Die Augen waren früher aus anderem Material eingelegt. Im Haar sind an einigen Stellen unter dem Sinter noch Reste brauner Farbe erhalten, wohl Reste der ursprünglichen Bemalung des Kopfes.
Eine Herme war ein rechteckiger Kultpfeiler für den griechischen Gott Hermes, ausgestattet mit dem bärtigen Kopf des Gottes, einem erigierten Glied und seitlichen Armstümpfen (BOARD- MAN 1981,112 Abb.169). Hermen waren zuerst in Athen und Attika verbreitet, wo sie eine lange, noch in vorgriechische Zeit zurückgehende Tradition besaßen. Hermes, der Schutzgott der Wanderer und Kaufleute, der den geschäftlichen Gewinn mehren half, schützte auch Grenzen und Wege. Daherstanden Hermen an Grenzen und Wegekreuzungen. Als Hermes Propy- laios war er auch Hüter der Türen und Tore, wo ebenfalls Hermen errichet werden konnten (DER KLEINEPAULY,1065.1070; LEXIKON DER ALTEN WELT, 1268 ff.). Um 470 v. Chr. schuf ein Athener Bildhauer mit Namen Sokrates (nicht der Philosoph) eine Herme des Hermes Propy- laios, die am Eingang zur Akropolis stand (LIP- POLD.112 mit Anm. 6 u.8).Wie der römische Gott lanus, der Hüter derTüren und Tore und des Anfangs (KENT u. and., 81, Taf. 6 Abb. 13), konnte Hermes schon in archaischer Zeit auch doppelgesichtig dargestellt werden (PAULY-WISSO- WA, 15. Halbbd. 706, 45 ff.; LULLIES, 139; DER KLEINE PAULY, 1313), was zur Umdeutung der Hermenform durch die Römerauflanus und zur Übernahme dieser Darstellungsweise für ihn führte.
Bevor wir näher auf die Ikonographie und das dahinter stehende griechische Vorbild einge-
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