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Bremen und seine Bauten / bearb. und hrsg. vom Architekten- und Ingenieur-Verein
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VI. Teil. Die Weser und ihre Seehäfen.

Energie seiner zur Zeit etwa 150 000 Seelen zählenden Bevölkerung zuge­schrieben werden. Es wird der in jener seit frühester Zeit lebende Geist in kräftiger Weise ausgedrückt durch den alten, am HauseSeefahrt" zu Bremen eingemeifselten Spruch:

Navigare necesse est, vivere non est necesse."

Entwickelung des Handels, Gründung Bremerhavens und des Norddeutschen Lloyd.

Jahrhunderte lang sah das alte, schon im Jahre 788 zu einem Bischofs­sitze erhobene Bremen die Seeschiffe unmittelbar vor seinen Mauern ankern. Die kleineren Gattungen derselben: Koggen, Holkc, Kreyer, Barsen u. a. m. bedurften nur eines geringen Tiefganges, da sie auf ihren Fahrten nach den holländischen, flandrischen und englischen Häfen, nach der französischen Küste, der Bai von Biscaya und den portugiesischen Handelsplätzen oder nach Bergen in Norwegen, nach Kopenhagen und Skanör, nach Stockholm, Riga und Reval nur auf kurzen Strecken das offene Meer durchschnitten, meist aber nicht fern von der Küste sich hielten. Jedoch eine nach unsern Begriffen geringe Ladung verhiefs schon verhältnismäfsig hohen Gewinn und man durfte andererseits nicht wagen, ein zu grofses Risiko in ein einzelnes Schiff zu setzen, da es weder gegen die Gefahren der Stürme und Sandbänke, noch gegen die schlimmeren des Seeräuberwesens eine Assekuranz gab. Eben diese Gefahren und dazu der Umstand, dafs die Seefahrt während vier Winter­monaten völlig still lag, mufsten die Preise der über See verfrachteten Waren am Bestimmungsorte gegen den Einkaufspreis unverhältnismäfsig hoch stellen und dem glücklichen Schiffer und Kaufmann Gewinnste verschaffen, welche heute höchstens eine ausnahmsweise günstige Konjunktur ihnen bringen kann. Die Schiffe führten im wesentlichen Getreide, Vieh, Butter, Bier, Rheinwein und andere Produkte deutscher Landwirtschaft und Industrie, aber auch im Zwischenhandel englische Wolle und englisches Zinn, flandrische Laken, Salz aus der Bai, Südfrüchte und Südweine und die aus dem levantinischen Handel gewonnenen Gewürze aus Portugal nach den nordischen Häfen, um von dort Hering, Thran, Holz, Hanf, schwedisches Eisen und Pelzwerk zurückzubringen. Der Verkehr mit dem Oberlande geschah teils mittels ganzer Züge von Frachtwagen zu Lande, teils auf der Weser, der Aller und Leine, zu welchem Zwecke Bremen schon im 14. Jahrhundert Verträge mit der Stadt Hannover, mit den Herzogen von Braunschweig- Lüneburg und mit anderen Herren abschlofs.

Verschiedene Umstände scheinen im Laufe des 16. Jahrhunderts zum Bau gröfserer Seeschiffe geführt zu haben. Die Gefahren des Seeraubes waren durch energische gemeinsame Bekämpfung der Hansestädte wesentlich herabgemindert worden; die Einführung der Seeassekuranz verminderte das materielle Risiko des Umfrachtens; die Anwendung von Kompafs und Astrolabium, von Seekarten und gedruckten Segelanweisungen erlaubten dem Schiffer sichere Fahrt quer durch die See, der mit der Blüte der Städte, mit wachsender Bevölkerungszahl und wachsendem Reichtum gesteigerte Konsum