Das moderne Stadtbild.
Von E. Gildemeister.
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Uber dem Stadtplan des alten Bremen schien eine glückliche Hand gewaltet zu haben. So stückweise auch die Stadt aus dem ursprünglichen Kern, dem Dombezirk, sich nach aufsen erweiterte, ist doch die Linienführung der Strafsenzüge und die Anlage der Plätze eine so schöne und zweckmäfsige, als habe sie ein Meister vorausschauend nach einheitlichem Plane festgestellt. Freilich jenes Spiel reizvoller Zufälligkeiten, das uns die alten Städte so lieb macht, konnte auch der bestentworfene Plan nicht vorher bestimmen. Wohl kann man als feststehend annehmen, dafs die Einhaltung gewisser Grundsätze, die wir erst aus dem Studium der alten Städte wieder haben lernen müssen — das Vermeiden zu langer Strafsen- züge, die sanfte Krümmung oder Brechung der Häuserlinien, die wechselnde Strafsenbreite, die Geschlossenheit der Plätze —, der bewufsten Anwendung ererbter Schönheits- und Zweckmäfsigkeitsregeln entsprang. Aber jeder einzelne Bau stellte doch von neuem die Frage, wie er sich seiner Umgebung am passendsten anfügte, und hier kam dem gesunden Kunstgefühl der Zeit die gröfsere Bewegungsfreiheit zu Hülfe. Der Verkehr machte noch nicht so streng wie heute seine Rechte geltend. Die Strafse diente nicht ausschliefs- lich zu eilfertigem Durchrennen, sondern auch zu gemütlichem Aufenthalt, und die Häuser streckten ungehindert ihre „Ausluchten" über den Strafsengrund, wo es etwas zu sehen gab. Dafs eben die Punkte, von denen aus man besser und weiter hinaussieht, auch die von aufsen am besten sichtbaren sind, darauf beruht ja das Geheimnis so mancher architektonischen Lösung, und dafs der malerischen Auswüchse nicht allzuviele wurden, dafür sorgte immerhin das ungeschriebene Gesetz, welches die Rechte der Nachbarn und der Allgemeinheit ausreichend wahrte.