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Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus / Regina Bruss
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3. Das Interesse am Friedhol

Haus- und Grundbesitz der Gemeinde war schon zum großen Teil im Rahmen derEntjudung des Grundbesitzes" Anfang 1939 in arische Hände gekommen 75 , das ehemalige jüdische Altersheim längst zweckentfremdet, als das letzte Stück des Gemeindeeigentums in das Blickfeld rückte: der Friedhof. Er lag und liegt in Hastedt an der Deichbruchstraße/Alter Post­weg. Die Inspektion hatte zu den Obliegenheiten der Friedhofskommission der Israelitischen Gemeinde gehört 76 , einem nichtjüdischen Friedhofsgärtner waren Aufsicht und Pflege übertragen gewesen.

Gleich zu Beginn derEntjudung des Grundbesitzes" hatte man in Bremen schon einmal ein Auge auf das Areal geworfen. Mitte Dezember 1938 konnte man sich dafür eine bessere Verwendungsmöglichkeit vorstellen und be­gründete das mit ebenso zukunftsweisenden wie makaberen Argumenten: In der Annahme, daß die Judenfrage sehr schnell einer weiteren radikalen Lösung zugeht, so daß wir in kurzer Zeit in Bremen wohl kaum noch Juden haben werden, wird angeregt, daß der Judenfriedhof in Hastedt freigehal­ten wird, um späterhin einen Sportplatz für die SA zu bekommen. Ein großer Teil des Judenfriedhofes ist auch noch nicht belegt. Dort könnte eventuell später ein Kinderspielplatz entstehen." 77 Diese Vorschläge wurden tatsächlich z. B. vom Stadtplanungsamt geprüft, doch verworfen. Haupt­gründe dafür waren: Der jüdische Friedhof werde noch benutzt, da noch Juden in Bremen lebten, und juristisch untermauert der Friedhof ge­höre der jüdischen Gemeinde, und eine Enteignungsmöglichkeit bestehe nicht 78 .

Solche Fragen waren 1943 nicht mehr von Belang. Jetzt rechnete man offenbar nicht mehr damit, in Bremen jemals noch einen Juden beerdigen zu müssen. Einzelne senatorische Ressorts waren beteiligt an der versuchten Übertragung desJudenfriedhofs". Dem Interesse der Baubehörde kam der Senator für die Finanzen zwar mit einer grundsätzlichenZustimmung zum Erwerb des Judenfriedhofs in Bremen" entgegen, doch mußte er sich eine genaue Prüfung im Sinne der Anordnung des Reichsministers für die Finan­zen über den Ankauf von Grundstücken durch die Landesregierungen vom 1. Juni 1942 vorbehalten 79 .

75 Das war der Grundbesitz Gartenstr. 6/7 (Februar 1939), Hinter der Balge 7/9 (März 1939) und Vohnenstr. 3 (April 1939) (Qu. 86).

76 Diese Kommission war von der Bedeutung her der Synagogen- und der Ritual­kommission gleichgestellt, gehörte also zum Kultus- und Ritualwesen. Es gab eine jüdische Beerdigungs-Bruderschaft, die sich aus dem Gemeinderat rekru­tierte und sich um Beerdigungsangelegenheiten kümmerte.

77 Stimmungsber. der Kreispropagandaltg., Monat Nov. 1938, Nr. 16/19, vom 12. 12. 1938 (Qu. 65 (24)). Dieser Hinweis auf eine erwartete radikale Lösung der Judenfrage ist in dieser Form und zu diesem Zeitpunkt der einzig bekannte in Bremen. Der Friedhof war im Gefolge derKristallnacht" verwüstet worden.

78 Schreiben des Reg. Bgm. an das Kreispropagandaamt vom 3. 2. 1939 (ebd.).

79 Vgl. Anm. 72.

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