und ihre Familien auf die Chance, ein zurückgezogenes unauffälliges und vielleicht weniger behelligtes Dasein zu führen. Sie waren den nationalsozialistischen Behörden bekannt und damit jederzeit leicht zu überwachen, heranzuzitieren, zu beschuldigen, zu demütigen.
IV. Zu den Organisationen
Neben dem religiös bedingten festen Zusammenschluß innerhalb der Israelitischen Gemeinde zeichnen sich auch außerhalb dieses engen Kreises und innerhalb der gesamten jüdischen Bevölkerung Bremens Interessengruppen ab, die zur Gemeindearbeit beitrugen. Diese Gruppierungen hatten sich vorwiegend unter Zielsetzungen gefunden, die auch in anderen Städten und Gemeinden des Deutschen Reiches auf ihren Fahnen standen.
1. Ein Dasein unter den Augen der Bewacher
In den Bremer Ortsgruppen auswärtiger Verbände war das Vereinsleben in üblicher Weise organisiert, d. h. vor allem, daß es einen Leiter oder Vorsitzenden gab und die Mitglieder mehr oder weniger regelmäßig zusammenkamen. Je nach Zielsetzung blühte dieses Leben im Verborgenen oder in der Öffentlichkeit 42 . So war es der in der Weimarer Republik einflußreiche „Centrai-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der sich auch in Bremen immer wieder gegen die nach dem Ersten Weltkrieg einsetzende Judenhetze wehrte, der auf Versammlungen die Verdienste seiner jüdischen Mitglieder in allen Bereichen des öffentlichen Lebens hervorhob und Gerechtigkeit und Gleichheit in der Behandlung forderte. Voller Selbstbewußtsein kehrten diese ihre Leistungen für Staat und Vaterland heraus und bestanden voller Optimismus darauf, an der Zukunft mitzubauen. In der veränderten politischen Landschaft nach dem 30. Januar 1933 gab der April-Boykott 1933 der Bremer Ortsgruppe unter ihrem Vorsitzenden Julius Bamberger 43 Anlaß, ihrer Empörung massiv Ausdruck zu verleihen und Schäden für die deutsche Wirtschaft zu prophezeien 44 . Bamberger, selbst
42 Bei Markreich, S. 421, sind zehn solcher Bremer Ortsgruppen aufgeführt, jedoch ohne weitere Angabe zu Zielsetzung, Entwicklung, Vereinsleben usw. Es handelt sich um folgende Verbände: 1. Agudas Jisroel; 2. Hilfsverein der Juden in Deutschland; 3. Jüdischer Centrai-Verein (Centrai-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens); 4. Jüdisch-liberale Vereinigung; 5. Jüdischer Pfadfinderbund; 6. Jüdischer Turn- und Sportverein; 7. Reichsbund jüdischer Frontsoldaten; 8. Sportgruppe „Schild" im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten; 9. Zionistische Vereinigung für Deutschland; 10. Zionistische Frauengruppe.
43 Uber Julius Bamberger vgl. Max Plaut, in: Bremische Biographie, S. 24; über seine Firma oben S. 73 ff. Bamberger gehörte im März 1921 zu den 89 Gründungsmitgliedern des „Verbandes Nationaldeutscher Juden", aus dem durch Spaltung wegen unterschiedlicher Zielsetzung später der Centrai-Verein hervorging.
44 Vgl. aber andererseits S. 48.
168