Vorangegangenes erkenn- und rekonstruierbar: Einige jüdische Organisationen — Ortsgruppen überregionaler Verbände — hatten „alle Juden Bremens" zu einer großen Kundgebung am 14. Mai 1935 ins Gewerbehaus an der Ansgaritorstraße eingeladen. Ein Mitarbeiter der Zionistischen Vereinigung für Deutschland sprach über „Nationale Zukunft oder Liquidation?" Ein Thema, das als besonders interessant und wichtig „für alle jüdischen Kreise Bremens" angekündigt worden war. Nachdem die Veranstaltung — im übrigen polizeilich genehmigt und von der Gestapo überwacht 14 — vorüber war, wurden in einer Senatorenbesprechung zehn Tage später die Weichen gestellt für das künftige Verhalten bei offiziellem Vermieten von Räumen an Juden: Es sei unerwünscht, daß solche Veranstaltungen in öffentlichen Gebäuden stattfänden, und die Gewerbekammer werde ersucht, ihre Räume in Zukunft nicht mehr zur Verfügung zu stellen 15 . Daß der Senat damit reichseinheitlichen Lösungen zuvorkam, geht daraus hervor, daß noch am 8. Oktober 1935 von der Berliner Staatspolizeistelle bestätigt wurde, daß weder der Reichskirchen- noch der Reichsinnenminister gegen solche Saalvermietungen Bedenken hätte 16 .
III. Die Gemeindevertretung
Diffamierungen, Boykottierungen, gesetzliche Maßnahmen einerseits, menschliche Schikanen andererseits, Bespitzelungen, Vorladungen, Vernehmungen, Verhaftungen — alle diese Dinge nahmen im Laufe der Jahre zu und versetzten die jüdischen Bürger Bremens in Angst und Unruhe. Je nach Mentalität und Nervenstärke, persönlicher Lebenseinstellung und Lebensplanung konnten diese seelischen Belastungen mehr oder weniger gut hingenommen werden. Am gefährdetsten lebten naturgemäß alle, die an exponierter Stelle für die Gemeinde wirkten. Sie mußten ihre übernommenen Aufgaben erledigen, den anderen Mitgliedern gegenüber eine beruhigende, besonnene Haltung an den Tag legen, obwohl gerade sie oft am ehesten und umfassendsten informiert waren über anstehende Verschlechterungen der Lage.
14 Das wurde offiziell eingeräumt. Bestätigt wird das auch durch Markreich, S. 229, gerade für diesen Zeitraum (1934 bis 1936): „Die jüdischen Veranstaltungen und Zusammenkünfte waren meist durch einen Vertreter der Gestapo überwacht."
15 Senatorenbesprechung vom 24. 5. 1935 (Qu. 1). Die Gewerbekammer nahm dies nicht nur zur Kenntnis, sondern beeilte sich am 12. 6. 1935, die bisherigen Vermietungen damit zu erklären, daß sie bei ihrer hohen Miete auf solche Einnahmen angewiesen gewesen sei und erst jetzt, da der Staat ihr mit günstigerer Miete entgegenkomme, auf Vermietung verzichten könne. Sie vergaß auch nicht zu erwähnen, immer das Einverständnis der NSDAP eingeholt zu haben.
16 So auch noch im Antwortschreiben der Reichsvertretung der Juden in Deutschland am 25. 6. 1936 (also fast ein Jahr später) auf eine Anfrage der Bremer Gemeinde (Qu. 60).
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