in der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober 1933 verübten 4 . Sie hatten ein Fenster der Synagoge eingedrückt, waren eingestiegen, hatten den Hauswart und dessen Ehefrau unter Vorhalten einer Pistole gezwungen zuzusehen, wie sie die Räume durchsuchten, Schränke aufbrachen, wertvolle alte Bücher, Gemeindelisten und Schülerverzeichnisse mitnahmen. Bei den anschließenden Nachforschungen blieb unklar, ob die Männer auf Befehl handelten oder nicht. Während sich die Bücher wiederanfanden, blieben die Gemeindeunterlagen verschwunden.
Man konnte durchaus davon ausgehen, daß die Gemeindearbeit, die zunehmend über den religiösen Beistand hinaus auf Hilfestellung bei der Bewältigung der vielen auftauchenden Probleme ausgerichtet war, ins Zentrum des Interesses der neuen Machthaber rückte. Zusammen mit den Auswirkungen der staatlichen Verdrängungs- und Beraubungspolitik bedeutete dies auf Dauer den allmählichen Zusammenbruch der gemeinsamen Arbeit in der Israelitischen Gemeinde Bremen.
II. Die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen
Es ist bekannt, daß das geistlich-geistige Zentrum der Bremer Juden in der Altstadt, in Domnähe, an der Gartenstraße 6/7 5 lag. Hier stand das Gotteshaus mit einer kleinen und einer großen Synagoge und den getrennten Stockwerken für Männer und Frauen. In dem benachbarten Gebäude, Rosenak-Haus genannt, befanden sich zwei Büroräume, ein Versammlungsraum, die drei Klassenzimmer der Religionsschule, das Gemeindearchiv und eine Kleiderkammer. Zu den Gemeindeeinrichtungen gehörten ferner das Ritualbad in der Vohnenstraße, das Altersheim in Gröpelingen und der Friedhof in Hastedt. So bietet sich das Bild einer räumlich gut ausgestatteten Gemeinde, die es verstanden hatte, sich im Laufe der Zeit aus kleinen Anfängen heraus die Einrichtungen und Plätze zu sichern, die ein den jüdischen Riten verpflichtetes Leben verlangte.
Hierbei war sie nur in einem Punkte auf das Wohlwollen ihrer nichtjüdischen Mitbürger angewiesen: An hohen jüdischen Feiertagen reichte der Platz in der Synagoge, die ja bereits 1876 gebaut worden war, nicht mehr aus — man mußte Räume anmieten. Diese fast drei Jahrzehnte geübte Praxis, ohne Schwierigkeiten auf die Säle des Kaufmännischen Vereins „Union" ausweichen zu können 8 , wurde unter den neuen Machthabern nicht mehr hingenommen. Die „Union" hatte der zuständigen Behörde das Begehren der Israelitischen Gemeinde mitgeteilt, und der Senat mußte sich im Sommer 1933 Gedanken darüber machen 7 . Doch noch hatte man nichts
4 Qu. 92. Der Gemeindevorstand meldete den Vorfall der Gestapo, die offensichtlich ahnungslos war.
5 Heute Kolpingstraße.
6 Schreiben des Vorstandes der Israelitischen Gemeinde vom 30. 6. 1936 an die Senatskommission für kirchliche Angelegenheiten (Qu. 60).
7 Senatssitzung vom 21. 7. 1933 (Qu. 1).
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