Einleitung
Atmosphäre vor 1933
Vielerorts hat man sich mit der Situation des deutschen Judentums am Ende der Weimarer Republik auseinandergesetzt. Einhellig kam man zu der Uberzeugung, daß die jüdische Gemeinschaft schon vor der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus innerlich wie äußerlich geschwächt war 1 . Zu Geburtenarmut, Frauenüberschuß und Uberalterung kamen innere Gegensätze zwischen den „Assimilierungswilligen", die durchaus im deutschen Volkstum aufgehen wollten, und den Zionisten, die über die religiöse Gruppe hinaus eine eigene Nation schaffen wollten. Orthodoxen Juden mißfiel zudem die religiöse Entwicklung; der Schwund echter Verbundenheit mit der jüdischen Religion wurde beklagt, zahlreiche Austritte aus der Glaubensgemeinschaft signalisierten Abwendung von den alten Traditionen und Zuwendung zu neuen Lebensformen.
Diese in ihrem Zusammenhalt gefährdete Bevölkerungsgruppe war schon ab Ende des 19. Jahrhunderts in immer stärkerem Maße angegriffen worden. Mit dem Entstehen des modernen Kapitalismus im Gefolge der Industriellen Revolution waren es zunächst wirtschaftliche Argumentationen, die den Juden in der Rolle des vor allem dem Mittelstand verhaßten Kapitalisten bekämpften 8 . Als dann, auf der antisemitischen Rassentheorie aufbauend, die völkisch-nationale Richtung hinzutrat, manifestierte sich eine Ablehnung der Juden in deutscher Wirtschaft und Öffentlichkeit bald in eindeutigen Programmen, wie das Beispiel der „Deutschen Judenordnung" von 1918 zeigt 3 . Die nationalsozialistische Bewegung brauchte sich dieser Gedankengänge nur zu bedienen und sie propagandawirksam aufbereitet einer Bevöl-
1 Paul Sauer, Die Schicksale der jüdischen Bürger Baden-Württembergs während der nationalsozialistischen Verfolgungszeit 1933—1945, Stuttgart 1969, S. 59. Vgl. auch Kurt Düwell, Die Rheingebiete in der Judenpolitik des Nationalsozialismus vor 1942, Bonn 1968, S. 73. Die umfassendste Situationsanalyse bietet Werner Eugen-Emil Mosse (Hrsg.), Entscheidungsjahr 1932. Zur Judenfrage in der Endphase der Weimarer Republik, Tübingen 1966.
2 Die Literatur zu diesen Fragen ist umfangreich; vgl. vor allem Hans Paul Bahrdt, Soziologische Reflexionen über die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Antisemitismus in Deutschland, in: Mosse, S. 140 ff., und Hans Wolfram Gerhard, Die wirtschaftlich argumentierende Judenfeindschaft, in; Karl Thieme (Hrsg.), Judenfeindschaft, Frankfurt 1963, S. 115 ff.
3 Entwurf der „Deutschen Judenordnung", abgedr. in: Ludger Graf von West- phalen, Geschichte des Antisemitismus in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1971, S. 54 ff. Danach sollten Juden keine öffentlichen Amter bekleiden, nicht Anwalt sein, nur Glaubensgenossen ärztlich versorgen, zum Dienst in Heer und Flotte nicht zugelassen werden, keinen ländlichen Grundbesitz haben, keine deutschen Namen führen, den Davidstern an ihren Verkaufsstellen und auf Preislisten, Briefen usw. anbringen, doppelte Steuern zahlen u. v. m.
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