DER AUFBAU
(vormals: „DER WIEDERAUFBAU")
BÜRGER UND STADT
GESELLSCHAFT FÜR STÄDTEBAU
unter Mitarbeit von: Aufbaugemeinschaft Bremen e. V. • Bund Deutscher Architekten im Lande Bremen e. V. „Der Grüne Kreis", Bremen, Vereinigung freischaffender Architekten und Bauingenieure e. V., Bremen. Vereinigung für Städtebau e. V-, Bremen
Sonderheft Bremen, November 1967 21. Jahrgang
Vorwort
Bisher sind Sonderhefte erschienen unter den Leitmotiven:
„Die Bremer 'Wallanlagen" (1/1955), „Bremisches Wohnen" (1/1956), „10 Jahre Aulbaugemeinschalt Bremen" (2/1956), „Der Bremer Wochenmarkt (1/1958). Dieses Hell soll die Reihe mit einem Bericht über den Ideenwettbewerb Sögestraße lort- seizen. Die ersten Gedanken, die Sögestraße zu einer Fußgängerstraße zu gestalten, gehen in die Vorkriegszeit zurück. Sie wurden wieder autgegrillen, als nach dem Krieg noch unter dem Eindruck der Trümmer die Vorstellungen über den Autbau langsam Gestalt annahmen. In diesem Zusammenhang ist es angebracht, Ausführungen des Lübecker Senators Ehrtmann und des Stadtbaudirektors Dr.-Ing. Münler einzulügen, die diese einem Gutachten Heinrich Tessenows zum Wiederaulbau der Altstadt Lübeck vorausgesetzt haben.
„Das Wort Wiederaufbau wurde Zuversicht und Zuflucht des zerstörten Deutschland noch ehe das Ausmaß der Vernichtung Bewußtsein wurde. Hoffnung und Lebenswille schufen Wiederaufbaupläne — aber nur Pläne. Die Taten, welche dem Planen folgen sollten, scheiterten an den Gegebenheiten. Neue Pläne entstanden. Mit ihnen begann ein Für und Wider, an dem Verkehrsfanatiker und Romantiker, Phantasten und Traditionsglaube sich heftiger beteiligten als die Kräfte reifer Erfahrung. In dieser Lage, angesichts der Tatsache, daß der Aufbau Lübecks nicht lokale Angelegenheit, sondern eine deutsche Kulturaufgabe ist, entschloß sich die Overbeck-Gesellschaft im Auftrage der Lübecker Kaufmannschaft, den Altmeister deutschen Bauens Heinrich Tessenow zu dieser Aufgabe hinzuziehen. Der Laie mochte ein künstlerisches Programm, der Städtebauer mochte einen Generalbebauungsplan erwarten.
Tessenow wies den Weg zur Erhaltung des Denkmals Lübeck und überließ die daraus resultierenden Forderungen dem Generalbebauungsplan, die künstlerische Gestaltung der Treuhand der Architektenschaft. Seine Aufbauskizze ist nicht Rezept, sondern Führung, sein Gutachten ist nicht Programm der Phantastik, sondern Feststellung der Wirklichkeit, von der jeder Aufbau ausgehen muß, wenn er nicht auf schlechtem Baugrund gründen will. Hierfür gilt der Dank dem weitsichtigen Entschluß, Tessenow zu berufen, wie dem vorliegenden Gutachten selber."
Die auch lür uns heute noch bedeutungsvollen Schlußworte Tessenows lauten:
„Zusammenfassend sei hier betont, daß man von dem Wiederaufbau unserer Städte im allgemeinen weit mehr erwartet oder fordert, als er je erfüllen kann, und dies gilt besonders von dem Wiederaufbau kriegszerstörter Altstädte. Sie sind ihrer eigentlichen Art nach fast allen führenden Lebenswelten der neueren Geschichte und also auch allen Entwicklungstendenzen dieser Lebenswelten mehr oder weniger gegensätzlich, und dieser Gegensatz betont sich mit dem Wiederaufbau unserer Altstädte fast auf Schritt und Tritt, sobald diese auch nur in bescheidenem Maße ihre starken Eigenheiten zu behaupten suchen. Und so sind auch unsere Altstädte heute sehr gefährdet, durch ihren Wiederaufbau noch die letzten Reste ihres Bestehens zu verlieren. Unsere sogenannte moderne Welt hatte nie besonders viel Bedenken, ihren Göttern und Halbgöttern von dem kulturellen Reichtum unserer Altstädte zu opfern, und sie hat sich hierin auch bis heute noch kaum geändert. Sie hat — seit nun etwa 100 Jahren schon — von dem reichen Besitz eigenartigster schönster Dinge unserer Altstädte zunehmend mehr vernichtet, und zwar um so mehr, je mehr diese sich sogenannt entwickelten. Ihre Entwicklungen waren im Sinne hoher Kultur lange schon immer gleichbedeutend mit einem Verarmen. Die jüngsten Kriegsverwüstungen unserer Altstädte sind zwar wilder oder brutaler und waren im Tempo anders, aber sind nicht überhaupt etwas anderes als das, was unsere Altstädte seit langer Zeit immer schon erlebten.
Unsere sogenannte moderne Welt ist — wenn auch sehr unbewußt — unseren Altstädten lange schon tief feindlich, und so wie ihr dies immer schon sehr unbewußt war, so ist sie noch heute den Altstädten feindlich, ohne das so recht zu wissen. Tatsächlich sucht sie nach wie vor — und zwar sehr eifernd — völlig neuartige Lebenswelten zu bilden, die sich mit den Altstädten so gut wie überhaupt nicht verbinden lassen und nur, weil unsere moderne Welt diese anderen Lebenswelten oder Lebensformen immer noch wieder nicht schöpferisch neu bilden konnte, so bemüht sie sich auch immer noch wieder, mit den Altstädten fertig zu werden bzw. sie heute wieder aufzubauen. Dabei wird sie diese aber — in einem sozusagen natürlichen Gegensatz zu ihnen — immer mehr oder weniger vergewaltigen."
Mit der Veröffentlichung der Ergebnisse des Wettbewerbs Sögestraße beginnt lür die Beteiligten erst die eigentliche Aulgabe, nämlich Auslührungspläne gemeinsam zu erarbeiten, die der Stadt und ihren Bürgern zur Ehre gereichen. Möge es bald und gut gelingen! Meine Gedanken und Wünsche lür dieses Vorhaben kann ich am besten mit den Worten Fritz Schumachers wiedergeben:
„Wir dürfen nie vergessen, daß es ein verantwortungsvolles Unternehmen ist, ein Stück Welt für den Gebrauch des Menschen zu formen, man formt dabei nicht nur die Wünsche der Gegenwart, sondern erst kommende Generationen werden entscheiden, ob es gelungen ist, etwas zu schaffen, das allgemein gültig ist. Dafür bedarf es der ahnenden, inneren Schau der K uns t." Gerhard Iversen, Herausgeber
Professor Dr.-Ing. eh. Dr. hc. Heinrich Tessenow hielt zur Erläuterung vor Vertretern der Stadtverwaltung, der Industiie, des Handels und Gewerbes einen Vortrag am 8. November 1947, vor Vertretern der Lübecker Architektensdiaft — auf Einladung der Vereinigung Lübecker Architekten (BDA) e. V. am 9. November 1947.
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