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17. Sieg des Bürgerthums über die erzbischöfliche Macht.
Es ist von hoher Wichtigkeit, im Verlauf der Geschichte unserer Vaterstadt zu zeigen, wie das Bürgerwcsen in früheren Jahrhunderten beschaffen war, wie seine Verhältnisse sich nach und nach entwickelten, wie cs zur Selbständigkeit cmporstrcbte und allmälig darin erstarkte. Unter allen Hindernissen, welche cs zu bewältigen hatte, war die Macht des Erzbischofs dasjenige, welches seinem Ringe» und Kämpfen am hartnäckigsten widerstand. Mancher nachhaltige Versuch wurde gemacht, der Hand der geistlichen Herr» das weltliche Sccptcr zu entwinden, ihnen dieses oder jenes kostbare Recht streitig zu machen, bis dem klugen Sinne, der uncrmüdctcn Ausdauer und strengen Beharrlichkeit der Bürger der Sieg gelang.
Der Bürgcrstand hatte sich im Laufe der Zeit ansehnlich erweitert. Es waren nicht mehr die ursprünglich Freien, die Begüterten und Adligen allein, welche zu ihm zählten, sondern auch ehrbare Handwerker. Das traurige Verhältnis der Hörigkeit der Letzter» hatte allmälig weichen müssen, seitdem sic durch rührigen Fleiß und vernünftige Sparsamkeit wohlhabender geworden. Sic traten jetzt in mächtigen Verbrüderungen auf, die unter dem Namen Zünfte*) vom Rache ihre wohlausgefcrtigtcn, verbrieften Rechte empfingen.
Zuerst erhielten die Gewand-, auch Wandschncidcr (Tuchhändlcr) ihr Privilegium, darnach, wie sich aus den, darüber vorhandenen, alten Nachrichten zu ergeben scheint, zunächst die Schuhmacher und Lohgerber, die anfangs getrennt, dann aber in Folge vielfacher Streitigkeiten zu einer Zunft vereinigt waren.
Die Tuchhändlcr wurden in ihrem Privilegium schon als angesehene Leute in der Gemeinde bezeichnet, wozu der große Wohlstand
*) Der Name Zunft wird vo» „Zusammenkunft" yergeleitet. Jede Zunft hatte ein eigenes Versammlungshans, wie auch ihren Heiligen oder Schutzpatron, so die Schuhmacher den heil. Crispinus, die Bäcker Adam und Eva. Die großen jährlichen W ersammlungen, (man zählte deren drei) begannen mit Gottesdienst und endigten mit wildem Trinkgelage.