Mehrteiliges Werk 
Brief von Caroline Christiane Louise Rudolphi an Dorothea Focke, 26.05.1809
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transkribiert von Dahle, Nils

H. d. 26. Mai. 1809    

Ja, meine gute Doris, auch diesen Schmerz sollte ich kennen lernen. -
    Ich habe ihn gelernt, den herben Kelch und kan̅ es noch kaum faßen,
wie ich es gekannt, und dabei bestanden bin. Dies Kind hatte sich tief
ins Innerste meines Lebens eingeflochten. Das Leben ohne den holden
Engel schien mir etwas ganz undankbares. - - - Wie ich ging und wo ich ruhete,
war es mit seiner herzdurchdringenden Liebe um mich. - - - Als ich in
Manheim neulich dem Bildhauer sagen sollte; was an dem Kopfe den
er macht ähnlich sei, und was nicht, kon̅t ich mich auf das Profil
des Kinds gar nicht besinnen, weil ich es faß wie von den Sele gesehen,
den̅ im̅er wen̅ ich in der Nähe war, war der Selenblick seines schönen Au_
ges auf mich geheftet. Im̅er hing es bittend oder dankend oder fra_
gend an meinem Gesicht. - -   Wo ich nun hinsehe, begegnet mir
dies süße Bild der Kindslibe. - - ich darf sagen, sie libt mich,
wie Menschen Gott lieben sollen, e'. h. von ganzem Herzen, von
ganzer Sele, aus allen Kräften u. von ganzem Gemüthe - - -
Und a! wie mußt ich das holdselige Kind leiden sehen! welch schreck_
liche 14 Tage u. Nächte! Es gehörten schreckliche Erschütterungen dazu,
ein so kraftvolles zerstören. - - - Oft scheint mir das
Ganze jetzt noch ein böser Traum, aus dem ich wieder erwachen müßt-,
oft ist es nur, als müßte sie morgen, heut noch zurückkom̅en in meine

Arme.