Heidelberg. d. 30. März. 1800. Meine liebste Doris, Heute nur ein Paar Zeilen um dir und deinem Focke für die Verwendung in Seels Angelegenheit zu danken. Deine pädagogische Frage muß ich mit voller Muße beantworten, und das kan̅ ich heut gar nicht. Milinka läßt mir wenig Frieden. Auch habe ich seit sie hier ist, an den bewußten Briefen auch gar wenig gearbeitet. Beim [XXsten] Briefe bin ich hängen geblieben. Kon̅te ich dir darum jetzt mehr senden, so fändes du darin viel= leicht Auskunft auch über diesen Punkt, wen̅ gleich in der Hauptsache nur von der Mädchen= Erziehung darin die Rede ist. Wen̅ [sich] das [Persönchen] einmal [gewöhnt] haben werd, sich selbst zu beschäftigen, dann wird auch für Emilie und für mich wieder mehr Muße zum Schreiben eintreten. Sagt wird es nöthig sein, daß ich auch ein eben so kleines dazu nehm, damit sie in unserer Gegenwart miteinander leben leben lernen. Auch dan̅ wird es im̅er noch der Aufsicht und zwar der desto sorgfältigeren Aufsicht bedürfen, aber man wird doch eher etwas vornehmen kön̅en. Wie Milaika schon an mir und Emilien hängt, das wird dich innig freuen, wenn du es sähest. Und doch hat sie gewiß noch nie im Leben sich einen solchen Ernst [ent]gegengesetzt gesehen, als ich gegen ihren Eigenwillen schon habe brauchen müßen, wenn sie nicht [uns] alle tirannisieren sollte. Ihre Art zu bitten ist fast unwiderstehlich. O kom̅ und sieh den holden Engel! So viel Kraft u. so viel süße Lieblichkeit finden sich in einem Kinde nicht oft beisam̅en. Wie lange wird Meta in Pom̅ern bleiben? Ich hatte einen Platz für sie auf dem sie viel= leicht viel Gutes hätte wirken können. da sie aber gar nicht schrieb, und ihren Plan nach Pom̅ern zu gehen, so geflistendlich vor mir verheimlichte, auch des selbe von Wilhel= minen foderte, wie kon̅te ich ihr diese meine Idee vortragen! Jetzt mag ich ihr nichts davon sagen, da ich nicht weiß, wie lange sie bei Wilhelmine bleiben will u. kan̅. -- Stören möcht ich da nicht gern etwas. Lebe wohl, liebste Doris. Doch noch eins. Sage deinem treflich[en] Vater mit meinen besten Grüßen, daß Dr. Gall noch im̅er nicht hier ist, und dass wen̅ er während der Ferien kom̅t, er viele der Professoren nicht trift, auch Ackerman nicht, welch[er] schon lange eine Ferienreise beschloßen. Schade wäre es aber, wenn die beiden sich nicht träfen: oder wenn Dr. Gall glauben sollte, daß Ackerman̅ ihm aus dem Wege gereist sei. Ob Dr. G. hier ein großes u. sehr gün= stiges Publikum finden wird, daran zweifle ich fast. Doch das wird sich finden, wenn er kom̅t. Mit Ackermans ton gegen Gall sind frei= lich auch seine Freunde nicht zufrieden und sehen den gänzlichen Mang[el] an Urbanität sehr ungern, aber für einen treflichen Kopf u. (Einschub zur nächsten Zeile) Ackerman̅ gründlichen [..miker] wird er [...] gestalten. Noch einmal, leb wohl Deine C. R.