Heidelberg. d. 11. Febr. 1810 Also wieder ein Knabe? --- Und er sei uns freudig willkom̅en im stür_ mischen Leben und der drohenden Zeit, der freilig mänliche Kräfte besser begegnen, als weiblich duldender Zartsinn. Laß sie nur Männer werden, liebe Doris, rechte Männer. Die Aufgabe einer Mutter ist groß, die die Welt mit wahren Männern beschenken soll. Das fühlte Cornelia die Grachen=Mutter, und deshalb war sie so stolz auf die Kleinodien welche die Natur ihr anvertraut. --- Könt ich dich nur einmal mit deinem Dreiblatt sehen meine liebe Doris! --- Aber was bis dahin doppelt schwer war, ist es nun dreifach. - wie wolltest du dich jetzt los machen können? Und wie sie mitbringen die holden drei? Wie heißt den̅ dein Jüngstes? --- Bald wirst du mir nun wider selbst Nachricht geben kön̅en, und mir ausführlicher sagen, wie schön dein zag- haft fürchtendes Herz Unrecht bekom̅en. --- Waren deine letzten und vorletzten Zeilen nicht wahres Abschiednehmen[?] Wie würde auch ich für dich gefürchtet haben, wen̅n ich die Macht der Phantasie in diesem Just auch nicht ken̅te, wenn es mehrere von meinen hiesigen Freundinnen nicht eben so ginge. Auch mein verletztes kleines Patschen hatte seiner Mutter kurz vor seinem Erscheinen viele ahndungs volle Sorgen und viele Tränen gekostet, um hernach nur desto leichter das Licht zu begrüßen. Wie viele Freude macht mir dieses holdselige Kind jetzt schon durch sein Lächeln wenn ich es zu mir nehme und durch sein freudiges Jauchzen wenn ich mit ihm schäkere. --- O hätte ich dein Kind so nahe und dich dazu, meine Doris, wie schön! Unser lieber La Roche ist noch hier, und bleibt auch noch wohl den Monat Merz hindurch. Er kom̅t meistens einen Tag um den andern zu uns, und gestern hat er mir angeboten während der Krankheit meines Hauslehrers die noch im̅mer fortdauert, mir täglich eine Stunde des Unterrichts abzunehmen, welches ich auch gern angenom̅en, besonders da ich seit 8 Tagen an einem unangenehmen Catharz leide, der mir jede Anstrengung beschwerlich macht. Und ich war schon seit Weihnachten ge_ nothigt, allen Unterricht selbst zu geben, weshalb ich auch zum Schreiben nicht anders als Sonntags Morgens gelangen kan̅.--- Hierin allein liegt es, daß ich für die ent_ fernten Meinigen so wenig Leben kan̅. Gieb du mir aber bald Nachricht, meine liebe Doris, und wen̅ du es nicht kan̅st, so N 58 [umgekehrt] kan̅ doch Lotte gewiß, und ich rechne dar_ auf daß sie es thut. Benzenberg hat mir kürzlich sagen lassen, daß er näch= sten Frühling nach der Schweiz reisen und über Heidelberg kom̅en würde. Mich soll es verlangen, ob dieser Plan zur Wirklichkeit kom̅t? Im September waren es 5 Jahre, daß er hier war. Lebe wohl, meine liebe Doris, grüße deinen Focke, auch deinen trefflichen Vater und Lotte. Drücke deine Kleinen für mich ans Herz, u. sei gegrüßt von der treuen Schwester Emilie wie von allen die dich hier kennen, inniger aber und treuer von niemand als von der mutterlichen Freundin C'. R. La Roche soll mir den Gruß der Freundschaft und zärtliche Achtung diesen Mittag auftragen den ich jetzt in seiner Selean dich niederschreibe.