H. d. 26. Mai. 1809 Ja, meine gute Doris, auch diesen Schmerz sollte ich kennen lernen. - Ich habe ihn gelernt, den herben Kelch und kan̅ es noch kaum faßen, wie ich es gekannt, und dabei bestanden bin. Dies Kind hatte sich tief ins Innerste meines Lebens eingeflochten. Das Leben ohne den holden Engel schien mir etwas ganz undankbares. - - - Wie ich ging und wo ich ruhete, war es mit seiner herzdurchdringenden Liebe um mich. - - - Als ich in Manheim neulich dem Bildhauer sagen sollte; was an dem Kopfe den er macht ähnlich sei, und was nicht, kon̅t ich mich auf das Profil des Kinds gar nicht besinnen, weil ich es faß wie von den Sele gesehen, den̅ im̅er wen̅ ich in der Nähe war, war der Selenblick seines schönen Au_ ges auf mich geheftet. Im̅er hing es bittend oder dankend oder fra_ gend an meinem Gesicht. - - Wo ich nun hinsehe, begegnet mir dies süße Bild der Kindslibe. - - ich darf sagen, sie libt mich, wie Menschen Gott lieben sollen, e'. h. von ganzem Herzen, von ganzer Sele, aus allen Kräften u. von ganzem Gemüthe - - - Und a! wie mußt ich das holdselige Kind leiden sehen! welch schreck_ liche 14 Tage u. Nächte! Es gehörten schreckliche Erschütterungen dazu, ein so kraftvolles zerstören. - - - Oft scheint mir das Ganze jetzt noch ein böser Traum, aus dem ich wieder erwachen müßt-, oft ist es nur, als müßte sie morgen, heut noch zurückkom̅en in meine Arme. Und so mußt ich auch ihren kleinen Garten noch vor 14 Tagen mit frischen Blumen bepflanzen, und niemand darf daran rühren, und keins von den kleinen bittet mich ihn zu erben. Es war ein böser Frühling, meine liebe Doris; ein Frühling den man keinen Hymnus singt. O him̅el Him̅el! Meine Gesundheit scheint es noch immer überstehen zu wollen, Daß ich dir und Lotte nicht früher schrieb, kan̅, muß Euch nicht schmerzen: es war Unmöglichkeit. Albertine und Carolin die diesen Brief mitbringen werde dir sagen, daß ich seit 3 Wochen eine veban̅t Familie bei mir habe, und welche. Diese unglückliche Mutter mit ihren 4 Kindern hat der Him̅el mir zu Ableitung des eigenen Schmerzes gesandt. Aus der Zeitung habt ihr das Wesentliche der Gschicht gesehen: das näher Detail kann Albertine erzählen. ---- Ueberhaupt berufe ich mich in vielem was meine libste Bremerin gern von uns wissen möchte auf meine gute Albertine, die auch ich eure Libe empfehlen, so wie auch Carolin. O libt sie, und seid ihnen hold; sie kom̅en ja von mir, und sind in sich selber der Libe weth. Besonders Albertine. Leb wohl liebe Doris. Du bist doch nicht mehr krank! u. dein Wilhelm ist es nicht mehr? O ihr müßt ihr dürft nicht krank sein! Hätte ich doch dich oder Lotte oder euch beide bei mir! Gib Lotte diese Zeilen mit. Ich weiß nicht ob ich ihr werde schreiben können; und wen̅ ich es auch noch kon̅t, so wird es nicht über mein gelibten veschwundenen Engel sein. Ich darf nicht so bald wieder darüber schreiben, wenn ich mich erholen will. Leb wohl. Die C'. R.