Ham. d. 18. Mai. 1802 Endlich, meine liebste Doris, ist es mit des Doktors Reiseplan so weit, daß es heißt: morgen. Es war im̅er Vorsatz, ihn nicht mit leeren Händen zu dir reisen zu lassen, und so schreibe ich dir trotz aller Hindernisse und mitten unter dem lärmenden Völklein. Weiß ich doch daß du aus einem sehr dürftigen Brieflein das Herz voll Liebe heraus zu finden weißt, das ihn eingab. - - - Ungern habe ich mich an den Gedanken gewöhnt, dich dies Jahr nicht bei uns zu sehen. O wie hätte es dir bei uns auf alte Weise wohl werden sollen! Wir würden alle deine Schwestern gewett= eiphert haben, wer dich am schönsten lieben könte! Doch [still], daß ich die [schleichende] Sehn= sucht nicht wekke. Laß Dir nur von unserm B. auf seine eigne Manier alles erzählen wie es hier ist, und übersetze dir das in die deinige. Laß sie dir alle […], die du auch nicht kennst; wenigstens wird er dir eine getreue Skizze von allen machen welche dir dann die bald nach kom̅ende Meta und Elise völlig aus malen mögen. Die verlangte Seite hat Fritzchen selber für dich in Hamburg ausgesucht, und vorläufig etwas davon mit der fahrenden Post abgeschickt. die andre bringt der Doktor gleich selbs. Dein Frühlingsgeschenk ist gestern hier ange= kom̅en. Brauch ich dir noch zu sagen, daß es uns allen sehr willkom̅en ist! - [...] und [...] ligen schon seit 14 Tagen für dich bereit, und werde nun auch mit Meta und Elise kom̅en. Einen Abend möcht' ich in diesen 8 Tagen wohl in Bremen sein, und zwar einen solchen wo ihr ganz allein seid. O wie wolt' ich ihn so früh erleben! Bald wird Julchen S. als Frau von [Rosen]= [ärn] bei uns erscheinen. Lotte [Rosen] die auch diesen Frühling hier zu sein hoffte, liegt jetzt an den Masern krank. -- Die werden wir also wohl nicht sehen. Wilhelmine habe ich diesen Morgen geschrieben. Fast im̅er muss ich auch Schwester [Salen?] auf einen Tag schreiben - auch be= wohnt ihr beiden ein ganz eigens [kubiatt] in eurer Freundin Herzen. Und nicht nur zugleich schreiben muss ich euch; ich muß eurer auch [im̅er] zugleich gedenken, ihr lieben lieben Kinder! Etwas anders liebe ich eine jede von euch, aber ich kan nicht sagen wie! u. welche am meisten? o ich könt es nicht sagen, es möchte kosten was es wollte. --- Von unseren Doktor wirst du hören, daß Klopstock gefährlich krank war, und jezt anfängt zu genesen. Gestern war ich mit Fritzchen draussen bei ihm. Wie gleich bleibt sich diser eben so liebenswürdig als ehrwürdige Alte! Ich habe eine sehr schöne Stunde an seinem Bette zu gebracht. Leb wohl, liebste Doris. Ich drükke dich liebend ans Herz. C. R. N 6