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Tagebuch : Notizen.
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T a g e o u eh.

Notizen.

Seioelmann's Tod ist für die Bühne ein herber Verlust; ein noch größerer aber ist er für die kleine Zahl von Bühnendichtern, die sich in neuester Zeit dem Glauben hingegeben haben, eine Erlösung des deutschen Theaters aus den französischen Uebersctzungöfcsscln werde den deutschen Talenten allmälig doch gelingen. Ein Schauspieler wie Seidelmann ist für jedes neue Stück ein Anker in der Noth; die jüngern Dichter hatten doch wenigstens einen Mittel­punkt bei der Conception ihrer Productioncn. Denn man darf nicht ver­gessen, daß ein großer Theil der Mißgeschicke deutscher Theaterdichter dem Um­stände zuzuschreiben ist, daß sie nicht wie die Franzosen wissen, für welchen Schauspieler sie ihre Rollen schreiben. Der Pariser weiß: diesen Charakter bestimme ich für Arnal, jenen für Friedrich Lemaitre, jenen für die Plessys, einen andern für die Rachel, für Ligicr und wie die stabilen Götter der Pa­riser Bühnen alle heißen. Dies erleichtert unendlich die Bühnenwirksamkeit .eines Stückes. Der Dichter hat eine bestimmte Persönlichkeit vor Augen und identisicirt ihre Eigenthümlichkeit von vorn herein mit dem zu schaffenden Charakter. In Deutschland ist dies nicht der Fall; die Persönlichkeit, die ein Frankfurter Theaterdichter vor Augen hatte, paßt durchaus nicht für die Stuttgarter Besetzung. Der Schauspieler, für welchen der Dresdener Poet die Rolle schrieb, hat eine ganz andere Natur als der, welcher in München sie spielen soll. Wenn die Wiener und nach ihnen die Berliner Theaterdichter noch so ziemlich die effcctvollsten sind (wir sprechen hier immer nur von der äußern Wirksamkeit eines Stückes, und nicht von seinem poetischen Werthe), so rührt das zum großen Theile daher, weil sie die Darsteller ihrer Stadt­bühnen zunächst in's Uuge fassen. Die Dichter in kleinern Städten produ- ciren in's Blaue hinein, auf gut Glück. Scidclmann aber war einer jener allgemein bekannte» Künstler, an welchen jeder Theaterdichter sich vergegen-