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Gedanken über Geschichte und Geschichtschreibung : 2.
(Schluß.)
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Gedanken über Geschichte und Geschichtschreibung,

Forschens festgehalten wurden, daher anch alles Humane in ihr Bereich gezogen, ja die Humanität selbst als das höchste Ziel und Gut alles menschlichen Strebens aufgestellt worden. Nach dieser Auffassung gehörte alles in den Raum der Geschichte, was der menschliche Geist in Kultur und Religion wie im Staats- und Verkehrsleben hervorbrachte. Mit dem erhöhte» Gesichtspunkte war somit auch eine Erweiterung der Grenzmarken verbunden. Die Geschichte trat mehr und mehr in den Geisteswisseuschaften an die Stelle, welche die Philosophie Jahrzehnte lang eingenommen hatte, aber nicht länger gegenüber dein an­strömenden Realismus zu behaupten vermochte.

Nicht bloß der Gang der Bildung, auch der deutsche Charakter drängte in der Geschichtschreibung zur Universalität. Daß ein kosmopolitischer Zug der deutschen Natur imiewvhnt, kaun nicht geleugnet werden, man mag denselben loben oder tadeln. Schon in der gewaltigen Zeit der Völkerkämpfe und Völkcrbewegungeu, die man als Völkerwanderung bezeichuet, wurde der weltbürgerliche Haug in der deutschen Natur entwickelt und genährt. Die Heldcnzeit der Völkerwanderung gestaltete sich zu dem geheimnisvollen, sagcnreichen Grundstock, wo in unerforschter Höhe die Lebensströme der germanischen Völkergeschichte ihren dunkeln Ursprung nahmen, wo wie in einem mächtigen Alpengebirge einzelne souneubeleuchtete Häupter glänzend emporragen und in ihren gvldnen Spitzen den Ruhm und die Herr­lichkeit ganzer Volksstämme oder Gebirgszüge konzcntriren. Der Zeitraum der Völkerwanderung ist in der deutschen Geschichte das Alpengebirge, wo sich die romanische und germanische Welt verbindet und scheidet, vermischt uud abstößt, und wo es oft schwer zu entscheiden ist, welchem Stamme die einzelnen glanz­umstrahlten Höhen angehören.

Es ist die letzte gemeinsame Heimat aller germanischen Völkerschaften, ehe sie nach den verschiedensten Richtungen auseinander gingen und in den neuen Wohnsitzen der alten Zusammengehörigkeit vergaßen, Ju den Heroengestalten der Volksdichtung erhielt sich die letzte Erinnerung der ehemaligen Verwandt­schaft nnd nationalen Einheit. Die großartige Zeit der Bewegung uud Um­gestaltung, die erst mit Karl dem Großen, dem Begründer des römischen Kaisertums im Abendlande, ihren Abschluß fand, ist die Ruhmcshalle des germanischen Vvlksstammes. Wir sehen in Gallien nnd Spanien, in der Lombardei und Britannien deutsche Völkerschaften einziehen nnd nach siegreichem Kampfe die fernen Landstriche in Besitz nehmen; nnd wenn auch die Aus­gewanderten mit jener der deutschen Nation eignen Sorglosigkeit und Bieg­samkeit die heimische Sprache und die vaterländischen Sitten und Erinnerungen allmählich aufgaben und dem Fremden zum Opfer brachten, wie noch heutzutage die deutschen Ansiedler in Nordamerika, so waren dennoch die Eroberer des römischen Weltreiches unser eignes Fleisch uud Blut, die erst im Laufe der Jahrhunderte des gemeinsamen Ursprunges und der väterlichen Heimat gänzlich vergaßen. Und wie die zurückgebliebnen Verwandten gewöhnlich das Bild der